Sardinien im Oktober 2015

Wenn man gegen Ende Oktober ein interessantes Ziel mit dem Flugzeug ansteuern will, wird es schon etwas eng.
Viele Ferienflieger steuern kleine Flughäfen nicht mehr oder nicht zur richtigen Zeit an. Manche Inseln sind nur noch über große Umwege zu erreichen.
Nicht so ist es auf Sardinien. Und da Sardinien gerade für Amphibienfreunde ein ganz besonderes Ziel ist, wollte ich mir die Insel unbedingt anschauen. Aufgrund des bescheidenen Zeitpunktes wählte ich beste Gesellschaft: Mich :)

Sardinien lässt sich fast das ganze Jahr besuchen. Der Herbst ist grundsätzlich eine schwierig Jahreszeit, da ein heißer und trockener Sommer dafür sorgt, dass die meisten Tiere gut versteckt sind. Ich wollte mich jedoch nicht ermutigen lassen und konnte in einer Last-Minute-Aktion durch nette Freunde auch noch vielversprechende Punkte auf meine ohnehin schon zu lange Liste aufnehmen.

Die Reise selbst soll nur 7 Tage dauern - was auf der zweitgrößten Mittelmeerinsel mit riesigen Bergmassiven schon für Zeitdruck sorgt. Bei mir kommt noch hinzu, dass der letzte Tag aufgrund eines sehr frühen Fluges, wegfällt.

Doch von vorne:
Tag 1
Mein Flug geht nach Alghero. Leider ist Cagliari nicht mehr regelmäßig, oder zumindest nicht zu richtigen Zeit, als Ziel verfügbar. Passenderweise befindet sich meine Unterkunft etwa 270km weg von Alghero am Rande des Sette Fratelli Nationalparks - genau auf der anderen Seite der Insel.
Mein erster Tag besteht daher leider aus einer anstrengenden, 10-stündigen Anreise.

Glücklicherweise habe ich eine Unterkunft getroffen, die ihres Gleichen sucht. Ich bin bei einem Eherpaar untergekommen, das ein sehr kleines B&B führt, bei welchem man praktisch mitten in den Alltag integriert ist. Es wird gemeinsam gefrühstückt und selbst beim Abendessen und Besuchen von Freunden ist man herzlichst eingeladen. Die lange Anreise ist daher bei frischer Pasta mit selbst gesammelten Waldpilzen, verschiedenen Weinen und anderen Spezialitäten schnell vergessen.
Der erste Tag jedoch, ist damit auch schon "verloren" (wenn man nur den eigentlichen Zweck der Reise betrachtet!)

Tag 2
Viel zu früh will ich los, denn die Motivation ist riesig.
Ich nehme mir direkt das entfernteste Zeil vor: Speleomantes flavus am Monte Albo.

Schon von weitem begrüßt mich der Berg mit bedrohlicher Wolkenkulisse.
 


Nach 220km komme ich endlich an den beiden geplanten Stellen an.
Zuerst wollte ich Ausschau nach Hyla serda halten, doch leider konnte ich keine finden.


Der Berg bietet tolle Ausblicke.

Passenderweise klart es auch noch auf.

Ich hatte eine tolle Anleitung zu einer Höhle, aber auch nach langer Suche hatte ich keinen Erfolg diese zu finden.
Zudem bestand mein Weg aus einem steilen Abhang, losem Geröll, feuchtem Fels und verstecken Löchern im Boden. Irgendwann wurde es mir jedoch zu heiß und ich machte kehrt, da mich garantiert niemand an dieser Stelle gefunden hätte, wäre etwas passiert.

Frustriert wälze ich Steine, verliere meinen Rückweg, stolpere durch Wäldchen und finde plötzlich doch noch einen S. flavus. Ein sehr großes Männchen schaut mich an und ich kann mein Glück kaum fassen!

Es ist leider insgesamt sehr trocken und ich beschließe daher mich nicht weiter an dieser Stelle aufzuhalten, sondern an eine ganz andere Stelle zu fahren und S. flavus nach nur einem Tier hinter mir zu lassen.
Die Eidechsen freut das Wetter - Podarcis tiliguerta (Für Fehlbestimmungen entschuldige ich mich jetzt schon, Eidechsen sind nicht mein Fokus! Für Korrekturen bin ich dankbar)

Erdbeerbäume werden schnell zu wirklich gern gesehenen Pflanzen in meiner Nähe. Die dunkelroten, weichen Früchte sind ganz lecker.

 

Enge Serpentinenstraßen führen mich durch gigantische Kulissen mitten in das Gebiet des Supramonte. Sardische Kilometer können hier ewig lang sein. 50km brauchen gerne mal eine Stunde, obwohl ich so schnell wie möglich durch die Kurven rase.
Ich treffe auf eine unwirtliche Ecke. Irgendwie erinnert mich dieser Punkt etwas an das Umland von Mordor aus "Herr der Ringe".

2,5h bleiben mir bis die Sonne langsam untergehen wird, also durchforste ich fleißig das Gebiet.
Nach einer anstrengenden Stunde finde ich doch tatsächlich ein Jungtier!

Danach kommt eine Durststrecke und unter dem allerletzten Stein bevor ich das Auto wieder erreiche, dann das:

Der Herbst ist ganz offensichtlich nicht wirklich einfach!

Skorpione finde ich beim Steine drehen aber wirklich regelmäßig.

Abends schleiche ich noch um meine Unterkunft und einige Tarentola mauritanica freuen sich über die vom Licht angezogenen Insekten.

Tag 3
Für Speleomantes imperialis hatte ich insgesamt drei Fundpunkte.
Auf dem Weg halte ich im Paradies :)

Meine Gastgeber berichten mir, dass sie dort bereits Schlangen und Schildkröten gefunden hätten und obwohl das Wetter und die Tageszeit passten, konnte ich nichts entdecken.

Die allgegenwärtigen Podarcis sind aber immer für einen Schnappschuss gut!


Um S. Imperialis zu sehen, starte ich direkt mit dem anstrengendsten Punkt: Ein etwa einstündiger Aufstieg zu einer gigantischen Felsformation stand mit bevor und am Ende sollte eine Höhle mein Ziel sein.


 

Ich habe alles gegeben, jedoch nichts zu finden! Es gab auch kaum Futtertiere in und um die Höhle - möglicherweise ist das zusammen mit der Trockenheit ein Grund, warum die Tiere sehr tief versteckt sind

Beim Abstieg aus fast 1000m NN stehe ich mitten in den Wolken und dennoch bieten sich beeindruckende Ausblicke.

Der nächste Ort war nur wenige Kilometer weiter ebenfalls bei einer Höhle.
Die Höhle konnte ich erst nach Stunden finden, da sie unglaublich gut versteckt liegt. Leider sind weder die Wälder um die Höhle, alsauch der Höhleneingang ohne Salamander.

Ungeplanterweise und nur wegen des fehlenden Erfolges, bin ich zum dritten Punkt gefahren, der etwa 60km entfernt ist.
Da die Zeit bereits deutlich fortgeschritten war, machte ich mich dort angekommen eilig auf die Suche. Der Fundpunkt ist ein touristisches Highlight und bereits im Oktober der Betrieb eingestellt - gespenstig ruhig ist es.

Natürlich finde ich auch hier überhaupt nichts.

Damit hake ich S. imperialis für diesen Besuch ab.

Tag 4
Ich möchte gerne S. genei sehen. Auf dem Weg dorthin bin ich noch zu einem touristischen Highlight gefahren: Die Grotta di San Giovanni. Eine Höhle, die man Tag und Nacht betreten kann und die wunderbar touristisch erschlossen ist.
Ich war der Einzige in dieser riesigen Höhle und konnte ungestört Fotos machen.

Später kam ich am Habitat von S. genei an und nachdem ich das erste Jungtier verloren hatte, konnte ich glücklicherweise noch weitere Tiere finden.

Auch diesen 3cm langen Zwerg!

Habitat:

Da mir ein Punkt am Tag nicht reicht, bin ich noch in den Nationalpark Sette Fratelli gefahren. Ich bin dort zu einem Punkt, den ich mir anhand von Satellitenfotos herausgesucht hatte. Der Weg war beschwerlich und mit einem Geländewagen sicherlich einfacher zu bewältigen, als mit einem Fiat Punto!

Das Wetter war unbeständig. Ich war in nur 500m n.N. schon mitten in den Wolken und es hat immer wieder getröpfelt.
Beim Steine drehen fiel mir etwas sehr kleines auf: Hemidactylus turcicus. Ein Glücksfund, bei 3cm Gesamtlänge!

Nur wenige Steine weiter ein großes Weibchen von Speleomantes sarrabusensis!
Sie hatte schlechteste Laune und es geschafft so plötzlich vor mir zu flüchten, dass ich nur zwei Fotos machen konnte.
Dafür markiert dieser Fundpunkt nun eine neue Verbreitungsgrenze, denn eigentlich hatte ich nicht einmal damit gerechnet, hier noch S. sarrabusensis zu finden (de Pous et al. 2012).

Habitat:

Damit ich auch mal das Meer aus der Nähe zu sehen bekomme, bin ich zu einem Südzipfel der Insel gefahren und dort einige Zeit herumgewandert, um ein paar nette Landschaftsaufnahmen zu machen. Neue Tierarten kamen mir dabei nicht zu Gesicht.

Und auch das einzige Mal in diesme Urlaub war ich mal am Strand und im Meer!

Tag 5
Die Wettervorhersage war nicht ganz falsch: Regen!
Schon in der Nacht hatte es angefangen und bis weit in den Nachmittag sollte es weitergehen.

Auch heute war der Sette Fratelli mein Ziel. Hier gibt es so viel zu entdecken und die größte Artenvielfalt findet man auch. Zudem hätte ich gerne noch ein paar Bilder von S. sarrabusensis und Regen sollte hierbei ja helfen, da es im Sette Fratelli keine Höhlen gibt, nach denen man seine Suche richten kann.
Wie jeden Tag besuche ich zusätzlich ganz besondere Orte der Insel, die ich zum Teil von meinen Gastgebern oder deren Freunden gezeigt bekomme.

Natürlich war das Ergebnis ernüchternd. Die Bedingungen waren perfekt und dennoch konnte ich auch nach Stunden kein einziges Tier entdecken!

Was einem Tier noch am nächsten kam war das:

Die Schlangenhaut müsste von Hierophis viridiflavus sein. (Danke an Sergé!)

Das beschreibt meine Laune eigentlich am besten:

Doch irgendwann hörte es doch auf zu regnen und ich konnte zumindest diesen netten Gesellen unter einem Stein finden.

Chalcides ocellatus

Da meine Laune trotzdem nicht so wirklich toll wurde, habe ich mich entschieden den Abend mit meinen Gastgebern in Cagliari zur Champions League zu verbringen. Ich bekam eine kleine Führung durch die Bastion (Sehenswert!) und habe erleben dürfen, wie quirlig es auch mitten unter der Woche dort sein kann.
Mir blieb dann nichts anderes übrig, als auf den nächsten Tag zu hoffen, da mir vor allem bei den Reptilien noch so einige Arten fehlen.

Tag 6
Eigentlich war vorhergesagt, dass es nur leicht bewölkt sein soll. Stattdessen regnet es und mein Wunsch nach Reptilien zu suchen, droht zu scheitern.
Von meinen Gestgebern lasse ich mir ein paar schöne Flecken im Sette Fratelli zeigen, die man in keinem Reiseführer findet und helfe Trinkwasser zu holen. Anschließend streife ich durch die Wälder.



Beinahe wäre ich auf diesen Zwergen getreten: Discoglossus sardus. Vielleicht 1cm lang!


 

Immer deutlicher wird es, dass ich zur absoluten Hochsaison für Pilzsammler im Wald bin. Die ganzen Wälder sehen aus wie umgepflügt, da sich hunderte Sarden bis in die entferntesten Ecken kämpfen nur um den letzten Steinpilz oder gar Ovulo zu finden. Mir wird bewusst, dass viele potenzielle Versteckplätze von Speleomantes sicherlich sehr regelmäßig durch Sammler beeinträchtigt werden und vielleicht deshalb keine Speleomantes zu finden sind, obwohl die Bedingungen perfekt sind.

Gegen Mittag klart es endlich auf und die Sonne kann ungehindert strahlen. Pünktlich erreiche ich ein Flusstal, das ich mir am Vortag herausgesucht habe.


Schnell trauen sich die ersten Eidechsen heraus. Podarcis tiliguerta

Ich hoffe darauf am Fluss Natrix maura zu finden, doch habe keine Glück.
Dafür finde ich zwei winzige Jungtiere von Emys orbicularis - an einer Stelle wo deren Vorkommen bisher noch nicht bekannt war!

Leider ziehen schon die nächsten Wolken auf und auch böiger Wind macht das nicht besser.
Den restlichen Tag verbringe ich mit erfolgloser Suche nach passenden Plätzen, die vielleicht etwas geschützter liegen...

Tag 7
Abreise!

Fazit:

1600km habe ich auf Sardinien abgefahren. Kauft euch nie ein Auto, das mal ein Mietwagen war! Dennoch kann ich den Fiat Punto uneingeschränkt als Kurvenräuber und Geländewagen empfehlen ;)
Ich konnte nur knapp mehr als ein Drittel der Herpetofauna finden. Gemessen an den Bedingungen (Wetter, Zeit, Entfernungen, Pilzsammler) bin ich aber doch ganz zufrieden.
Sardinien bietet noch so viel. Strände, menschenleere Buchten, hohe Berge und tiefe Schluchten, Trubel oder Erholung - Sardinien ist abwechslungsreich wie kein anderer Ort an dem ich zuvor war. Vom Pauschalreisenden bis Abenteurer findet hier jeder seinen persönlichen Hotspot, da bin ich mir sicher.

Artenliste:
-Chalcides ocellatus
-Discoglossus sardus
-Emys orbicularis
-Hemidactylus turcicus
-Podarcis tiliguerta
-Speleomantes flavus
-Speleomantes genei
-Speleomantes sarrabusensis
-Speleomantes supramontis
-Tarentola mauritanica